(K)Ein Grund zum Fremdschämen
„So Sorry“ fühlt sich der chinesische Machtapparat offensichtlich nicht aufgrund Ai Weiwei‘s gleichnamiger Ausstellung, welche derzeit im Haus der Kunst in München stattfindet. Im Gegenteil, denn gerade wegen seiner kritischen Sicht auf gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und zwischenmenschliche Geschehnisse und Entwicklungen entgegnete ihm die chinesische Exekutive durch ihre niederste hierarchische Instanz ein eindeutiges „Fuck off“, indem sie ihn noch vor der Ausstellungseröffnung brutal zusammenschlagen ließ.

Erst in München nahm der Künstler, Blogger, Oppositionelle und nun auch Märtyrer seiner eigenen Handlungsweisen die ihm zugefügten Kopfverletzungen ernst und ließ sich in der bayerischen Landeshauptstadt operieren. Und da ein Ai Weiwei gelernt hat, sich nicht so schnell unterkriegen zu lassen, konnte die Ausstellung wie geplant eröffnet werden. Diese ist noch bis zum 17. Januar 2010 erlebbar. So hart es klingen mag, so gut passt besagter Angriff zu dem Konzept Ai Weiwei, das besagt „Kunst ist Leben“ und „Leben ist Kunst“. Denn nicht minder heftig wirbelte dieses Attentat eine Menge Presseberichte vom Stapel und ließen den vielgelesenen und - in China - vielzensierten Blogger einmal mehr ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken.
Der 52-jährige „Lebenskünstler“, welcher im Gegensatz zu einem gewissen Herrn Damian Hirst nicht behauptet „Ich bin Kunst“, jedoch einen ähnlichen Ansatz - wenn auch mit weniger Eigennutzen - verfolgt, zumindest was den Ausverkauf der Kultur angeht, ist nicht grundlos zu einem Dorn im Auge des chinesischen Regimes geworden. Erbittert recherchiert er da, wo Tragödien und Fehlverhalten der Regierung von selbiger mit viel Aufwand vertuscht werden und erinnert dabei ein wenig an einen chinesischen Günter Wallraff, jedoch mit einem minder reißerischen Charakter und der stetigen Bemühung, die mächtigen Mauern der asiatischen Mentalität, die sich hinter sogenannten Tugenden wie Tradition und Harmonie versteckt, aufzubrechen. Dabei begibt er sich auf eine Gratwanderung zwischen Kunst, Revolution, Lebensweisheit, Menschenrechten und Freiheit.
Dass seine Ausstellung in einem historischen Bau der deutschen Nazi-Ära stattfindet, unterstreicht die Parallelen zum aktuellen Geschehen in seiner Heimat. So prangert er die extreme Diktatur und eine seit 60 Jahren währende Kontrolle an. Architektonisch stört er sich an dem römisch antiken Anzug des Gebäudes, welcher vermuten lässt, man hätte damals „keine eigene Sprache gefunden“. Das ändert er nun temporär und kreiert eine Hülle, die Ai Weiweis Sprache spricht: Ein Kunstobjekt auf der Fassade, bestehend aus 9000 Kinderrucksäcken, welche die chinesischen Schriftzeichen „Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt“ trägt. Somit schafft er eine Verbindung auf visueller Ebene zwischen zwei Regimes, die zwar aus politischer Sicht konträr sind, einander in ihrer realen Erfahrbarkeit aber sehr ähneln. Das daraus entstandene Kunstwerk fungiert als Denkmal für eine chinesische Tragödie, die in ihrer Heimat kaum Beachtung fand, obwohl bei einem Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 an die 5000 Schulkinder Aufgrund von Pfusch am Bau ums Leben kamen.
Der Titel der Ausstellung nimmt Bezug auf Entschuldigungen von Regierungen und deren Unterlassungen; Schuldeingeständnisse, die gemacht wurden, ohne die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen. Hier findet man eine stilistisch inkongruente, jedoch in sich stimmige Ansammlung von Werken, hauptsächlich aus dem letzten Jahrzehnt seines Schaffens. Diese Vielfalt entsteht aus Ai Weiwei‘s Bemühungen heraus, immer wieder ein neues, unbekanntes Feld zu erobern und nicht etwa ein wiedererkennbares Markenzeichen zu entwickeln, das sich gut verkaufen lässt. Nach eigener Aussage denkt Ai Weiwei bei seinen Werken nie über Sammlerwünsche nach.
Oft entnimmt er traditionelle chinesische Materialien ihrer eigentlichen Funktion und definiert sie neu, da für ihn jedes Material und jede Form eine Art von Botschaft in sich trägt. So geschehen ist dies auch bei seiner aktuellen Arbeit „Dust to Dust“ aus dem Jahr 2009. Dabei schreckt er nicht davor zurück, ein - aus abendländischer Sicht gesehen - wichtiges Kulturgut, nämlich antike Vasen aus dem Neolithikum, zu zerstören, um ein neues Kunstwerk daraus zu generieren. Eine Wand aus Glasgefäßen, schlicht gefüllt mit Staub, erinnert nur noch formal an einstig prachtvoll hergestellte Tongefäße aus der Jungsteinzeit. Was in jedem klassischen Hollywood-Film ein Worst-Case Szenario darstellt, nämlich eine teure chinesische Vase zu zerstören, ist im asiatischen Kulturkreis weniger als eine Bagatelle. Schonungslos wird dort von oberster Stelle der Abriss antiker Tempel angeordnet, um Platz für neue Stahlbeton-Riesen zu gewinnen.
Für Ai Weiwei ist das Zerstören von Vasen mehr als nur ein Umwandeln in eine neue Form der Kunst: Es ist ein Akt der Befreiung von der Last der Ansprüche, welche die Geschichte und Kunst an ihn stellen. Er selbst begreift dabei sowohl seine Kunst, als auch sich selbst als Ready-made, das sich abhebt, da es nicht zwingend in einem musealen Umfeld stattzufinden hat, sondern in den Alltag integriert erscheint. Dabei will er die Wirklichkeit durch die Veränderung interpretieren, die er ihr zufügt und macht dadurch den öffentlichen Raum zum Kunstgegenstand.
Fragt man den Künstler und Sohn eines sozialkritischen Dichters nach seinem Vorbild, so erhält man den Namen Marcel Duchamp als Antwort, welcher seinerzeit den Begriff des Ready-mades dahingehend definierte, dass ein Objekt zum Kunstobjekt wird, sobald es im Umfeld eines Museums zu sehen ist, bzw. des Künstlers Unterschrift trägt. Ai Weiwei erweitert gerade diese Begebenheit auf die Öffentlichkeit und beschreitet somit einen Weg, der ihm viele neue Möglichkeiten der künstlerischen Entfaltung ermöglicht. Somit können seine alltäglichen Aktivitäten, wie die als Blogger oder Regimekritiker, unter einen neuen Kontext gestellt werden, der maßgeblich zu dem Gesamtkunstwerk Ai Weiwei hinzugezählt werden muss, um es komplett zu verstehen und deuten zu können.
Mögen seine skulpturalen Arbeiten zum Teil auf den ersten Blick auch subtil wirken, so metamorphieren sie mit der Betrachtung seines Schaffens als Ganzes zu einem hochkomplexen Netzwerk an künstlerischer, kritischer Auseinandersetzung mit den Wirkungsweisen unserer heutigen gesellschaftspolitischen Ordnung, denen zahlreiche Missstände als Ursache zu Grunde liegen. Durch sein Handeln, welches das der vorherrschenden Formen von Kunst übersteigen, wird Ai Weiwei zweifelsohne auch künftigen Generationen ein Begriff sein.